487. Tag
- siddhiroth
- 28. Apr.
- 3 Min. Lesezeit
Während ich im Bus nach "Pune", meinem Geburtsort fahre, nehme ich mir die Zeit, den Bericht von heute zu schreiben. Und während ich so vor mir herschreibe, die Kopfhörer mit meinem aktuellen Lieblingslied "Jeena Jeena- LoFi" in den Ohren, wusste ich, dass dieser Bericht einer meiner schwersten sein würde.
Die holprige Fahrt startete in "Mumbai", nachdem wir erstmal neunzig Minuten auf unseren Bus warten mussten und endlich hielt der Bus mit der Aufschrift der Gesellschaft „Neeta“ schlitternd vor uns an, als hätte der Busfahrer die Bremse verfehlt.
Erstmal fuhren wir etwa zwei Stunden nur, um aus der Stadt und dem stressigen Verkehrsstau rauszukommen - oder besser gesagt einmal kurz durch die Schweiz. Verkaufsstände, teure Hotelkomplexe, Bahnhofsstationen, vielfältige tropische Pflanzenvielfalt und Slums zogen links und rechts an uns vorbei.
Der Unterschied von Arm und Reich hatte ich noch nie so fest wie hier in dieser Stadt erlebt. Während auf der einen Seite der Straße teure und hohe Häuserkomplexe hervorragten, sah ich im selben Moment auf der anderen Seite Menschen, die mit Stofffetzen als Kleidung, am Straßenrand lagen oder im Müllhaufen nach Essensresten suchten.
Als wir uns der Küste näherten, zogen die Hochhäuser der Stadt nur noch als kleine Schatten am Horizont vorbei und verschwammen im Dunst und Smog, welche die Stadt umgab. Die Wellen klatschten von Weitem an die Küste und je länger wir fuhren, desto karger und hügeliger wurde die Umgebung.
Ich hatte bis anhin noch nie auf meinen Reisen das Gefühl gehabt, dass ich mich mit einem Land so verbunden fühle.
Auch wenn das Land viele große Bausteine und ein großes Entwicklungspotential hat, breitete sich die hügelige Landschaft so unberührt vor mir aus und erschien mir in diesem Moment trotz der schwierigen Zustände einzigartig und perfekt.
Als wir erstmal eine serpentinenartige Straße mit dem Bus hochführten, kamen wir auf eine Hochebene, die sehr trocken und karg aussah. Freilaufende Kühe, Hunde, Ziegen, Menschen und jegliche Verkehrsmittel zogen an uns vorbei.
Zwischendurch gab es eine kurze Pause an einer Raststätte und schon schepperte der Bus weiter auf der Autobahn. Menschen verkauften auf der Strassenseite der Autobahn ihre Früchte und Snacks und zwischendurch passierten wir Tunnels und Mautstationen.
Je näher wir uns "Pune" näherten, desto mulmiger wurde es mir zu mute und ich bekam ein ganz eigenartiges Gefühl.
Es erschien mir so unwirklich, in diesem Bus mit meinen Herzensmenschen zu sitzen und mein Geburtstort nach knapp dreissig Jahren zu besuchen. Ich weiß nicht, welche Gefühle in mir hochkommen werden, wenn ich morgen das Waisenhaus sehen werde, wo ich meine ersten drei Jahre verbracht habe. Auf der Fahrt kamen mir oft die Tränen, und ich war so froh, dass neben mir mein Partner und mein Bruder saßen und mich mental begleiteten. Genau in diesem Moment kamen alle meine Gefühle hoch, und am liebsten hätte ich in diesem Moment meine Eltern umarmt und wäre mit ihnen mit einem warmen Kaffee im Garten gesessen oder hätte ein FaceTime-Gespräch mit meiner Tante geführt und mir sicherlich die süßen Katzen gezeigt hätte.
Die Stadt "Pune" umfasst drei Millionen Einwohner, und selbst in dieser Stadt unterschätzte ich die Distanz, denn wir kamen im dichten Verkehr nur merklich voran.
Es war ein merkwürdiges Gefühl, durch die Straßen von "Pune" zu fahren und die vielen Menschen zu sehen, die ihren ganz eigenen Alltag verfolgen. In diesem Moment habe ich mich selbst gefragt, war ich als Baby vielleicht schon mal in dieser Straße oder in diesem Park? Vermutlich habe ich gar keine großen Erinnerungen an "Pune", da ich noch ziemlich jung war, als man mich und mein Bruder am Bahnhof gefunden hatte.
Ich fühlte mich in diesem Moment irgendwie unbeholfen, verletzlich, unsicher und vor allem (an)gespannt.
Die Sonne neigte sich dem Horizont zu und tauchte die Stadt in ein schönes warmes orange-rot Licht. Der Verkehr war so dicht geworden, dass wir für die letzten 50 Kilometer fast zwei Stunden brauchten - die Fahrt zog sich hin.
Es dunkelte bereits, als wir an der letzten Bushaltestelle in der Nähe vom Bahnhof ankamen und wir uns in Tuc Tuc ergattern konnten.
Der Fahrer spielte mit unserem Gepäck Tetris und so sassen wir alle nach ein paar Minuten zusammengepfercht hinten auf der Rückbank. Der warme Wind wehte durch mein Haar und verschiedene vertraute Düfte zogen an mir vorbei. Auch jetzt noch waren viele Menschen auf der Straße und das geregelte Chaos nahm seinen Lauf.
Wir kamen in unserer Unterkunft, dem „Lemon Tree Hotel“, an, wo wir zuerst unser Gepäck durch den Scanner schieben mussten. Ein vertrauter Duft im
Hotel stieg mir in die Nase, als ich merkte, dass es das Parfum von meiner Mutter war.
Geborgenheit umgab mich und so checkten wir gemeinsam in unser Zimmer ein.
Am Abend aßen wir im Hotelrestaurant Curry und Sandwiches, redeten viel über die Vergangenheit und die morgigen Pläne. Mit gemischten Gefühlen und noch etwas aufgewühlt, machte ich mein provisorisches Bett auf der Couch mit unseren Decken bereit und ging müde ins Bett.




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